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Gerd erzählt

Gerd Feldhusen ist so ziemlich von Anfang an mit von der Partie bei Posaunix. Er spielt Posaune, Bariton, manchmal auch Tuba, hat hin und wieder lustige Sachen an seinem Notenständer, die besonders den Kindern Freude machen. Außerdem macht er sich so seine Gedanken und bringt sie seit einiger Zeit zu Papier. Allerdings auf plattdeutsch. Weil das nicht alle verstehen, erscheinen seine Erzählungen, soweit sie Posaunix betreffen, hier auf hochdeutsch.

Posaunix in der Petrikirche

Samstag, 8. Februar 2003. Schön, dass wir mal wieder in der Petrikirche musizieren dürfen. Wir, das sind die Musikanten des Bläserkreises POSAUNIX aus Hamburg-Niendorf. Das Wetter ist hanseatisch kühl, so um die sieben Grad Celsius. Das richtige Wetter, um in die Kirche zu gehen, sich hinzusetzen, sich von innen und außen ein wenig aufzuwärmen und der Musik zuzuhören. Unser Chorleiter Robert hat schöne Choräle ausgesucht, so richtig etwas für die wunderbare Akustik in der Petrikirche (11 Sekunden Nachhall). Das ist wirklich ein prächtiges Erlebnis die Trompeten und Posaunen zu spielen und ihrem Klang hinterher zu lauschen. Um drei Uhr fangen wir an. Vorweg Choräle, danach etwas Flotteres und zum Schluss etwas Gemütvolles. Wir sagen immer: Das ist "so schön schmusig". Zwischendurch sehe ich zu den Kirchenbesuchern hin. Die meisten Menschen kommen in die Kirche, setzen sich und hören zu. So soll es auch sein. Nach anderthalb Stunden haben wir alle Lieder gespielt, die wir geübt haben. Ich habe ein gutes Gefühl, was die Qualität unserer Darbietung betrifft. Und einige der Besucher bedanken sich von ganzem Herzen. Das tut gut! Eine Frau aus der Petrikirchen-Gesichtergruppe hat frischen Kaffee gekocht; nach soviel Bläserei schmeckt die Tasse Kaffee besonders gut. Wohl auch, weil wir dazu eingeladen sind. Eine schöne Zeit war es in unserer Hamburger Petrikirche. Dank an Robert für das feine Dirigieren. Dank an die Mit-Musikanten für das stimmige Zusammenspiel. Dank an die Gesichtergruppe für den Kaffee. Ich schau gern mal wieder rein. Ich glaube, die anderen POSAUNIX-Musikanten auch.

Anmerkung: Die Gesichtergruppe ist eine Anzahl von ca. 20 Freiwilligen, die über die Woche verteilt, Dienst in der Hauptkirche St. Petri an der Mönckebergstraße tun. Sie beantworten Fragen, geben Rat, schenken Kaffee aus, kurz, machen all das, was ein Küster nicht leisten kann. Die Petrikirche ist, weil sie inmittelbar im Zentrum Hamburgs liegt, sehr stark besucht.

Der Posaunist am Marterpfahl

Es erinnert mich an einen indianischen Marterpfahl als der Bläserkreis POSAUNIX vor dem Weihnachtsbasar des Hamburg-Hauses Eimsbüttel Musik macht. Direkt neben uns steht der Holzkohlegrill. Die feinen Bratwürste geben einen köstlichen Duft, es ist kaum zum Aushalten. Zum Glück weht der Wind den Rauch weg - aber der Geruch!... Zum schwach werden für einen Menschen wie mich, den man wohl als "Grillwurst -süchtig" bezeichnen kann. Aber die erste Hälfte unseres Auftritts muss ich es wohl aushalten.

Nun noch etwas Anderes: Als unser Chorleiter den Termin bekannt gibt, war mir doch etwas seltsam zu Mute. Am Totensonntag (2002) sollen wir für einen Weihnachtsbasar spielen? Adventslieder am Totensonntag? Da habe ich eine Weile drüber nachgedacht. Für mich ist der Totensonntag eher ein ruhiger Tag mit dem Andenken an die, die nicht mehr unter uns sind. Vater, Mutter und andere liebe Menschen. Und dann Adventslieder spielen? - Nun kann ich mir aber auch vorstellen, dass die Verstorbenen vielleicht gar nicht wollen, dass man bei ihrem Gedenken traurig ist. Die Zeit mit ihnen war ja auch mal lustig und voller Freude. Vielleicht freuen sie sich sogar, wenn ich bei meinem Gedenken schöne Musik mache. Ja, so kann das sein, so werde ich es machen!

Und so mache ich das auch, als wir vor dem Hamburg-Haus unsere Musik erklingen lassen. Dieses Mal ist es auch anders als sonst: Wir haben noch gar nicht angefangen, da stehen vor uns bereits zahlreiche Menschen, die uns zuhören möchten. Es sind Erwachsene und "Kinder mit Mama an der Hand". Die eine Kleine hat eine Plastikrassel in der Hand und dreht sie ständig herum. Punkt halb elf geht es mit der Musik los. Zum Glück regnet es nicht und es ist auch nicht zu kalt. Alles paletti .. wenn da nicht der Grillwurst - Marterpfahl wäre. Na ja, die knappe Stunde habe ich gerade noch aushalten können. Und als ich dann auch noch einen zweiten Gutschein für eine Wurst bekomme, ist die Welt wieder in Ordnung und die Bratwurst schmeckt doppelt so gut.

Eine Geschichte aus meiner Sammlung "Selbst erlebt und aufgeschrieben. Zum Schmökern und Nachdenken". Aus dem Niederdeutschen übersetzt von Robert Hertwig

Ist denn schon Weihnachten?

Es ist Anfang November 2002. In den meisten Geschäften lacht uns der Schokoladenweihnachtsmann an, die Dominosteine und die frischen Dresdner Stollen liegen schon seit Langem in den Regalen.

Das Wetter ist "hamburgisch kühl mit vereinzelten Regentropfen". Der Bläserkreis Posaunix baut sich vor dem neuen Niendorfer Einkaufzentrum "Tibarg-Center" auf. Die Bläser wollen zwischen elf und zwölf Uhr Musik machen. Es geht los mit einer lauten Fanfare. Die Leute sehen verwundert herüber: "Nanu, Posaunix spielt nun hier, die sind doch immer am Wochenmarkt oder am U-Bahnhof." Die Niendorfer kennen die Leute von Posaunix: "Hallo Robert! Hallo Heidi!"

Die meisten Menschen hasten mit sturem Blick durch die Eingangstür in das Tibarg-Center. Einige bleiben aber stehen und nehmen sich ein wenig Zeit und hören zu. Ein paar Kinder kommen neugierig heran und wundern sich, wie wir aus den Trompeten, Posaunen und der Tuba Musik heraus bekommen. Ein kleines Mädchen fragt mich, warum ich denn mit meinem Arm ständig an der Posaune hinauf und hinunter sause. Ich erkläre es ihr. Sie fragt: "Spielst du mir was vor?" Natürlich mache ich das.

Und da passiert es! Ich spiel den Anfang eines Weihnachtsliedes!! Nun muss ich zu meiner Entschuldigung sagen, dass wir in den letzten Chorproben ganz viele der schönen Weihnachtslieder angespielt haben. Das Mädchen hört zu und ihre Augen leuchten wie zwei Sterne am Himmel. Sie fragt mich: "Ist denn schon Weihnachten?" Da bin ich aber ganz schön in Bedrängnis geraten!

Ich möchte ihr doch nicht sagen, dass es noch ziemlich lange bis Weihnachten dauert. Dann wäre sie bestimmt traurig gewesen. Deshalb sage ich: "Ein ganz klein wenig musst du noch warten, aber wir sind schon in der Vorweihnachtszeit." Sie ist zufrieden und ich freue mich, dass die großen Augen immer noch blitzen.

Das Schöne ist doch: Das kleine Mädchen kann sich auf etwas freuen, was noch lange in weiter Ferne liegt. Können wir Erwachsen das eigentlich auch noch? Ich denke dabei an das schreckliche Wort "Weihnachtsstress". Von den Kindern können wir lernen, dass es auch anders geht.

Und so lange dauert es ja nun auch nicht mehr bis Weihnachten, meinst du nicht auch?

Eine Geschichte aus meiner Sammlung "Selbst erlebt und aufgeschrieben. Zum Schmökern und Nachdenken". Aus dem Niederdeutschen übersetzt von Robert Hertwig

Viva la musica!

Meine liebe Frau war im Albertinenkrankenhaus. Ihr ging es nicht gut. Ich war mit meinen Nerven ziemlich am Ende. Am kommenden Sonnabend wollte der Bläserkreis Posaunix auf dem Niendorfer Tibarg eine Stunde Musik machen. Freitags rufe ich den Chorleiter an: "Robert, mir geht es nicht gut, ich kann nicht zum Tibarg kommen". Er fragt, worum es geht und sagt: "Du solltest aber kommen, vielleicht lenkt dich die Musik etwas von deinen Sorgen ab." Ich kann mir das nicht so richtig vorstellen. Und dann war da noch die Sorge, aus Nervosität falsche Töne zu spielen. Der Chorleiter beschwichtigt mich aber und macht mir Mut. Das bisschen Danebenspielen, so schlimm kann das doch nicht werden.

Ich bin hingefahren, Sonnabend, um elf am Tibarg. Wir haben eine Stunde lang Musik gemacht. Und dabei habe ich etwas Wunderbares erlebt: Ich habe eine Stunde lang nicht an meine Sorgen gedacht. Das hat mir neue Kraft gegeben und meinen Kopf frei gemacht. Ich hatte neuen Mut, mit meinen Problemen fertig zu werden.

Vielen Dank an die Musik, vielen Dank an Robert.

Eine Geschichte aus meiner Sammlung "Selbst erlebt und aufgeschrieben. Zum Schmökern und Nachdenken". Aus dem Niederdeutschen übersetzt von Robert Hertwig

Wir sammeln für die OASE

Nein, lieber Leser, wir befinden uns nicht in der Wüste, sondern in der Mönckebergstraße in Hamburgs Innenstadt. Der Bläserkreis POSAUNIX aus Hamburg-Niendorf wird hier musizieren und für die Obdachloseneinrichtung OASE sammeln.

Es ist der 12. Oktober 2002 und recht frisch, so um die 8 Grad mit einem Wind der Stärke 5 aus Nordwest. Eine Bassposaune und eine der Ersten Trompeten warten schon vor der Petrikirche. Dann kommt Robert, die Tenorposaune, seines Zeichens auch Chorleiter, mit dem Fahrrad ganz aus Niendorf und einer entsprechend frischen Gesichtsfarbe. Um 15 Uhr sind alle Bläser eingetroffen und es kann losgehen. Auf einem Trompetenkoffer steht eine kleine Schüssel bereit für klimpernde Silberlinge und raschelnde Geldscheine.

Dann sind alle soweit. Vorweg einige Choräle, das ist Pflicht. "Die werden so gespielt, wie sie im Notenbuch "Bläserfreude" stehen!!" Der Chorleiter weiß, warum er darauf hinweist. Die Bassposaune neigt nämlich dazu, auch Choräle "anzujazzen". Heute spielen wir am Eingang einer Hamburger Hauptkirche. Da tut man sowas nicht!

Bei kaltem Wetter haben es die Posaunenspieler gut, denn sie sind durch das Hin- und Hergeschiebe des Instrumentenzuges zumindest etwas in Bewegung. Die Trompetenspieler hingegen drücken immer nur die Ventile mit einem Minimum an Bewegung. Aber auch dafür ist ein guter und w e i t voraus denkender Chorleiter gerüstet! Er verteilt Handschuhe an eine der besonders frierenden Ersten Trompeten.

Viele Spaziergänger bleiben einen Moment stehen und hören uns zu. Japaner filmen und fotografieren: "That is German Blasmusik in Hamburg". Der Küster kommt aus der Petrikirche heraus und lädt uns zu einer Tasse heißen Kaffee ein. Eine prima Idee! Noch ein paar Volkslieder und ein paar Stücke zum Anjazzen, dann wird es doch zu kalt.

In der Caféteria der Petrikirche wärmen wir uns bei der versprochenen Tasse Kaffe ein wenig auf. Es hat mal wieder Spaß gemacht! Für die OASE hat es sich auch gelohnt. Es wurden 29,66 Euro gespendet.

Eine Geschichte aus meiner Sammlung "Selbst erlebt und aufgeschrieben. Zum Schmökern und Nachdenken". Aus dem Niederdeutschen übersetzt von Robert Hertwig.

Weihnachten für eine Minute

Sonnabend, 18.12.1999 16 Uhr am Hamburger Hauptbahnhof in der Nähe des Treffpunktes der Obdachlosen, Alkoholiker und sogenannten Drogis. Der Niendorfer Bläserkreis POSAUNIX spielt Weihnachtslieder. Reisende mit und ohne Koffer gehen vorbei. Einige bleiben stehen, hören zu und gehen weiter. Etwas entfernt steht eine Gruppe von Obdachlosen und Drogis. Einige werfen scheue Blicke herüber: Was wollen die denn hier? Hier ist kein Weihnachten - oder doch? Weihnachten am Hauptbahnhof? Nach zwanzig Minuten kommt aus jener Gruppe ein junges Mädchen zu uns. Schleppender Gang, leicht vornüber gebeugt, krank. In einigem Abstand bleibt sie stehen. Nach etlichen Minuten kommt sie zu uns und fragt: "Könnt ihr mal Es ist ein Ros entsprungen spielen? Der Chorleiter nickt: Drei Strophen. Erste Strophe: Das Mädchen blickt ernst und traurig. Sie hört einfach nur zu. Zweite Strophe: Sie kommt näher und schaut in die Noten. Dabei öffnet sie ihre dicke Jacke, holt eine zahme Ratte heraus und spielt mit ihr. Dritte Strophe: Sie bewegt ihre Lippen: Es ist ein Ros entsprungen... Sie schaut herüber und erwidert mein Lächeln. Das Lied ist zu Ende. Sie geht zu ihrer Gruppe zurück. Zu ihrem Zuhause. Aber sie geht nicht mehr so gebückt. Weihnachten für eine Minute. Gerd Feldhusen